Historie

von Karl Volk

Friedrich Karl Franz Hecker, ein badischer Revolutionär

Zwei Ideen faszinierten Friedrich Hecker vor allen anderen  -  der Liberalismus und der Republikanismus  -  er war ihnen geradezu verfallen. Insbesondere eine zukünftige deutsche Republik war eine Obsession für ihn. Er war ein glühender Liberaler, geradezu, scheinbar paradox, intolerant liberal. Der Liberalismus war eine jener starken politischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts, die er, wie es großen Bewegungen eigen zu sein pflegt, in ihren Anfängen erlebte, von der Begeisterung der Massen (nicht unbedingt eines ganzen Volkes) getragen zu werden. Der Mensch schien, so glaubte man, ein zweites Mal geboren worden zu sein, aber nun wirklich frei von Ketten. Und diese Freiheit erfasste alle Lebensbereiche: die Bindungen durch den Polizeistaat, den alten Ständestaat, die Kirche, Freiheit sollte der Wirtschaft, dem Handel, der Wissenschaft, der Einzelperson gewährt werden, sie sollte den neuen Menschen mit dem Fortschritt das Glück bringen. Die Überzeugung, wenn man so will, ihr „Glaube“ war, dass sich die Menschen (im Gefolge Kants) ihrer Vernunft bedienen würden, vor der sich alle Institutionen der Vergangenheit zu rechtfertigen hätten, so dass alte Vorrechte des Standes und der Geburt fallen würden, statt ihrer die Leistung, Begabung und Energie eine positive Entwicklung, insbesondere den Wohlstand befördern könnten. „Von dieser Welt“ sollte die neue Zeit sein. Ausdrücklich  -  und dies sein Leben lang  -  lehnte Hecker kompromisslos alle biblische Offenbarung ab, woraus sich wie von selbst sein Antiklerikalismus ergab. Um die philosophische Grundlage Heckers (und Struves, die immer in einem Atemzug genannt werden) an Personen festzumachen: es waren die französische Frühsozialisten Claude-Henri de Rouveroy de Saint-Simon und Auguste Comte. Sie „wussten“ schon genau, was zu tun war. Die Wissenschaft, die Naturwissenschaft (!) gab ihnen die Mittel für die Politik in die Hand. Alle Probleme waren zu lösen, mit der Vervollkommnung der wissenschaftlichen Methoden ohnehin. Alle Wissenschaften, lehrte Comte, laufen auf die vom Menschen zu, wenn sie einen Sinn haben sollen. Mit ihrer Hilfe, statt mit Gottes Hilfe (der tot ist) kann der Mensch „selbstständig die Regelung seines Geschicks“ übernehmen. „Die Heilsgeschichte ist säkularisiert zur Geschichte“. Das ist der „Glaube“ der beiden Radikalen Hecker und Struve. (Alfred Weber Einf. Soziologie)
Für diese politische Philosophie im Hintergrund trat er mit der ganzen Leidenschaft und den rhetorischen Fähigkeiten einer Kraftnatur ein, ohne dass er, der Praktiker, ihre Theorie in Diskussionen gern verteidigte, wie er es auch für die Staatsform der Republik nicht gern tat.
Hecker, der Republikaner, strebte eine deutsche Republik an, was bedeutete, der Souverän im Staat war nicht mehr ein Fürst, sondern das Volk, alle Bürger und er selbst stolz unter ihnen. Dieser Logik nach war er gesellschaftlich höher gestellt als Bismarck, was er später unmissverständlich zum Ausdruck bringen sollte. Andererseits bedeutete es auch, „die moralische Herausforderung an den eigenen politischen Lebenswandel“ (Freitag 18): politische Aktivität des selbstbewussten Bürgers in Verantwortung für den Staat statt Hoffnung auf Hilfe von der Regierung. Nach seiner festen Überzeugung würde die Republik der Monarchie wirtschaftlich überlegen sein, und schon mit dem Export materieller Güter in alle Welt auch den Gedanken der Demokratie und Volkssouveränität verbreiten.   

Hecker kam nicht aus dem geistigen Nichts. Die frühesten geistigen Wurzeln wurden schon in seiner Gymnasialzeit gelegt, als er sich mit der Leidenschaft der Jugend für die Ideale der griechischen Polis und der römischen res publica begeisterte. Dass der Weg dorthin und das Leben in der Republik nicht leicht sein würden, dürfte auch ihm klar gewesen sein. Eine Gesellschaft, die in ihrer ganzen Geschichte nur Kaiser, Könige und Fürsten kannte und in Ständen gegliedert war, würde nur schwer von ihren „Erfahrungen“ abzubringen sein, ganz zu schweigen davon, dass sie republikanische Tugenden erst kennen lernen musste und in einem zweiten Schritt in der neuen Staatsform sie anzuwenden bereit war. (Freitag 19).

Zur Realisierung gehörte ein gewaltiger Optimismus (Freitag 21). Hecker hatte ihn, ja er war vermessen genug darauf zu vertrauen, dass Industrie und Welthandel den neuen Ideen nur Vorschub leisten könnten. „Jeder Warenballen aus USA verbreitet die Bereitschaft zur republikanischen Staatsform und ihrer Prosperität.“ Dagegen hielt er den Sozialismus für die „Fortsetzung eines monarchischen Systems mit anderen Vorzeichen.“

Der am 28. September 1811 in Eichtersheim in Baden geborene Friedrich Karl Franz Hecker wuchs in guten Verhältnissen heran. Von einer idyllischen Jugend ist kaum etwas bekannt (Freitag 35). Aber mindestens die kritische, um nicht zu sagen revolutionäre Einstellung der Obrigkeit gegenüber wurde ihm vom Elternhaus mit auf den Weg gegeben. Sein Vater, der königlich bayrischer Hofrat Josef Hecker, unterzeichnete 1815 eine Schmähschrift (an deren Formulierung er maßgebenden Anteil hatte) an den Großherzog mit handfesten Beschwerden über die Verschwendungssucht seines Hofes und Forderungen nach einer Verfassung (Freitag 36), nach der Möglichkeit der Auflösung kleiner Staaten und dem Anschluss an größere, die Treue zum Landesherrn sollte nicht so weit gehen, dass die Staatsangehörigen nicht auswandern dürften.

Auf diese Weise für die Politik eingestimmt, nahm er als Jurastudent in Heidelberg begierig die Lehre seiner Juristen und Historiker auf oder er lehnte sie leidenschaftlich ab: von Anton Friedrich Justus Thibaut die Forderung, ein allgemeines öffentliches Recht einzuführen, das auch die nationale Einheit fördern würde. Nicht weit genug ging ihm Karl Salomo Zachariä, der die konstitutionellen Regierungen erhalten wissen wollte („die Prärogativen der Krone“) und die Vorrechte des Adels. Ihn trafen die ganze Verachtung und der Hass Heckers. Die Forderung Karl Josef Anton Mittermaiers nach Abschaffung der Todesstrafe machte Hecker zu seiner eigenen. Für ihn sprach die Statistik gegen ihre Wirksamkeit, außerdem hört sie mit dem Vollzug auf, Strafe zu sein. (44). Die radikale Verurteilung der die geschichtliche Entwicklung hemmenden Kräfte wie Adel und Klerus durch den Historiker Friedrich Christoph Schlosser nahm Hecker begierig auf. (Seine Formulierungen ließen sich hervorragend zitieren.) Politische Freiheit und ihre Realisierung war für Schlosser wie Hecker allein von Interesse für alle geschichtliche Erkenntnis. Zutiefst beeinflusste der Historiker Carl von Rotteck, Professor in Freiburg, den Studenten. Nicht Teil der Staatsregierung sollten die Volksvertreter sein, sondern in Opposition zur Regierung stehen. Nur zur Kontrolle der Regierung waren sie da. Aber die Republik würde ihren Bürgern viel Idealismus abverlangen: die „Aufopferung persönlicher, individueller Wünsche und ihrer Interessen“ zugunsten der „Belange des Staatswesens“: ein großes Wort, dessen tiefen Sinn Hecker in seinem Leben selbst erfahren sollte. Rotteck mag auch durch sein anziehendes Bild der USA den Auswanderungswunsch Heckers beflügelt haben (52). Voll Begeisterung griff er den Missionsgedanken Amerikas für die ganze Welt auf. Lorenz Brentano????

Zu den Gaben Heckers gehörten sein cholerisches Temperament, seine unverwüstliche Kraftnatur, seine bewundernswerte Redebegabung, sein Charisma, die Menschen mitzureißen, sein Mut vor „Fürstenthronen“, seine Rücksichtslosigkeit Ministern gegenüber: all dies half dem jungen Abgeordneten der Zweiten Kammer Badens im Land bekannt zu werden und ihm die Massen bei seinen Kundgebungen im Land draußen zuzutreiben. Darauf zurückzuführen ist  -  abgesehen von seiner Rolle als Anführer aufständischer Truppen  -  das Adjektiv „heckerisch“ oder „heckerisch-närsch“, was so viel wie „verstimmt“, „aufgebracht“, „wütend“, „voll Zorn“, aber auch „die Lust, eine Arbeit voll Begeisterung zu beginnen“ bedeutet. Es bedeutet außerdem, sie tief er sich im Bewusstsein der Bevölkerung verankert hat. Das Wort blieb bis in unsere Tage, als man sich an den „Namengeber“ längst nicht mehr erinnerte.

Mit dem Rückhalt der großen Gelehrten seiner Zeit und forensisch geübt als Rechtsanwalt (in Mannheim) fühlte er sich bei seinen Invektiven gegen die Regierung mit absoluter Sicherheit auf der richtigen Seite. Die Grobheit, ja Dreistigkeit seiner Debattenreden passen so gar nicht zum Bild der liebenswürdigen, unpolitischen Bürger der Biedermeierzeit (1815 – 1848), in der sie gesprochen wurden. Und da er sich gleich am Anfang seiner parlamentarischen Tätigkeit  - er wurde 1842 in die zweite badische Kammer gewählt  -  ohne tieferes Wissen um die Kompliziertheit der Materie einer nationalen Frage zuwandte: Schleswig-Hostein darf nie Dänemark zugeschlagen werden, zog er sofort Studenten aus Heidelberg nach Karlsruhe, die den jungen Heißsporn kennen lernen wollten. Und als er daraufhin sich auf einer Reise nach Stettin auch in Berlin aufhielt und von der preußischen Polizei ausgewiesen wurde, handelte sie unbewusst in seinem Sinne, denn das konnte seine Beliebtheit nur steigern. Freilich nur in der Bevölkerung. seine Schroffheit und Rücksichtslosigkeit stieß bei seinen Abgeordnetenkollegen keineswegs auf ungeteilte Sympathie, die zunächst mit angestrengter Solidarität noch zu ihm hielten, bis der Beifall nur noch von den Zuschauerrängen kam.

Bei dem unausgeglichenen Charakter Heckers, seiner leichten Entflammbarkeit seines Gemüts für neue Ideen und der schnellen Enttäuschung bei der Unmöglichkeit ihrer Realisierung hätte es Freund und Feind nicht sonderlich überraschen dürfen, dass er sich vorübergehend schneller von der Politik abwandte, als er sich ihr zugewandt hatte, und er sich im März 1847 in Algerien niederlassen wollte, für den Fall, dass es ihm dort gefiele. Doch, was vorauszusehen gewesen wäre, dort fand er nicht das Richtige, kehrte nach Deutschland zurück und agitierte leidenschaftlicher denn je für den Sturz der bisherigen
politischen Strukturen.

Die Dinge überstürzten sich. Ein Höhepunkt schon revolutionärer Entwicklung war eine außerparlamentarische Versammlung im Gasthaus „Zum Salmen“ in Offenburg am 12. September 1847. Struve hatte 13 Forderungen formuliert. Um nur diese zu nennen: Progressive Einkommenssteuer, Lossagung der badischen Regierung von den Karlsbader Beschlüssen 1819, Freiheit für Gewissen und Lehre, Geschworenengericht, allgemeiner Zugang zum Bildungssystem, Pressefreiheit, Vereidigung des Militärs auf die Verfassung, Vertretung des Volkes beim Deutschen Bund, Verwirklichung der Menschenrechte. Noch nicht gestellt wurde die Forderung nach der Staatsform der Republik. (Erst am 19. 3. 1848) Nachdem die Kammer neu gewählt worden war, (Freitag 59)ging es nicht um die Erörterung der Offenburger Forderungen, sondern um soziale Fragen. Hecker schlug Genossenschaften nach dem Vorbild mittelalterlicher Zünfte vor: Assoziationen  -  und fand keine Mehrheit.

Nipperdey:565
Die Ereignisse in Paris im Februar 1848, der Sturz des Königs Louis Philippe wirkte in Deutschland als Initialzündung für die kommenden Unruhen, nicht nur hier, sondern in verschiedenen Teilen Europas. Schon am 27. Februar sprechen sich in Mannheim auf einer großen Volksversammlung der liberale Mathy und der radikale Hecker für die Volksbewaffnung neben dem bestehenden Heer aus, Pressefreiheit soll gewährt werden, Parteien soll gegründet werden dürfen, Schwurgerichte sollen (für größere Objektivität bei politischen Vergehen) eingeführt werden, schließlich wird die Forderung nach einem Nationalparlament erhoben. Bald sind dies allgemeine Forderungen, denen in der verbreiteten Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen weitere folgen. Nipperdey 600

Weech: Badische Biographien im folgenden:

Unter dem Einfluss des Juristen und Redakteurs Gustav von Struve (Schwarzmeier 222) wurde er zum eigentlichen Revolutionär. Koste es, was es wolle, Struve war entschlossen, seine Theorie in die Praxis umzusetzen. Noch blieb Hecker auf dem Boden der Legalität, noch war das Gefecht für ihn eines der Worte. Er trug die Wünsche des Volkes der Zweiten Kammer vor. Seine 12 Punkte sahen u. a. die Aufhebung der Karlsbader Beschlüsse vor, die Vereidigung aller Staatsbürger und des Militärs auf die Verfassung, die Beseitigung aller feudaler Vorrechte, aller Beschränkungen aus konfessionellen Gründen, die Einrichtung einer Volksvertretung beim Bundestag, die Besetzung des Staatsministeriums mit Männern des allgemeinen Vertrauens  -  nicht aber die Abschaffung des monarchischen Prinzips, die Abdankung des Großherzogs. Obwohl die Regierung der Mehrzahl der Forderung zustimmte, fügte Hecker am 19. März auf einer Volksversammlung in Offenburg noch weitere hinzu: Verschmelzung der Bürgerwehr mit dem stehenden Heer, Umgestaltung des Steuerwesens. Seine überspannten Hoffnungen ließen ihn aber als Phantasten erscheinen.



Das Vorparlament
Einleitung, Hinführung, Allgemeines Geschehen. im folgenden versucht:

Noch verließ die Revolution die parlamentarische Ebene nicht. Hecker wurde auf allen Versammlungen stürmisch gefeiert. Im März 1848 sollte (Freitag S.105) auf einer Versammlung von 51 Liberalen in Heidelberg in Anwesenheit von Heckers und Struves das Vorparlament organisiert werden. Es rumorte überall in Baden. Nach allgemeiner Volksbewaffnung wurde gerufen. Jedem Bürger ein Gewehr! Jetzt wurde auch die Forderung nach einer Republik erhoben. Von der Hilfe durch französische Revolutionäre wollte Hecker nichts wissen. Auf einer weiteren Versammlung in Offenburg am 19. März verwahrte sich Hecker gegen die Ausrufung einer Republik: das Vorparlament sollte die demokratischen Ziele besprechen. Aber dieses sollte so schnell wie möglich ins Leben gerufen werden, wenn er es auch nicht für repräsentativ für den Willen des ganzen deutschen Volkes hielt. Er fürchtete das Abebben des revolutionären Schwungs. Manchem Revolutionär konnte es mit der Ausrufung der Republik nicht schnell genug gehen. Joseph Fickler, der Redakteur der Konstanzer „Seeblätter“, wollte es auf eigene Faust tun, wenn das Vorparlament es nicht wagte.

Vom 31. März bis zum 3. April tagten die 574 Abgeordneten des Vorparlaments in der Paulskirche in Frankfurt. (Nipperdey 606) Den radikalen Forderungen Struves als auch Heckers konnte dieses Parlament nicht zustimmen: Abschaffung der Monarchie, Einführung der Republik (in welchen Grenzen?), Abschaffung des stehenden Heeres, des Berufsbeamtentums, der Klöster, Erhebung des Vorparlaments zur Dauereinrichtung. Als sie auch für die Forderung keine Mehrheit erreichte, dass sich der Bundestag (!) von seinen Mitgliedern trennen müsse, die den Ausnahmegesetzen zugestimmt hätten, war dies für Hecker das Fanal, mit 40 seiner Anhänger dieses Parlament zu verlassen und seine Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Die Stunde dafür war unwiderruflich gekommen, als die Mehrheit der Zweiten Kammer einen Aufruf zur Mäßigung erließ, die badische Regierung die
Mobilmachung des 8. Bundesarmeecorps beantragte und Staatsrat Karl Mathy (Burschenschaftler, Teilnehmer am Hambacher Fest, deswegen als bad. Staatsdiener entlassen, als Journalist tätig, Wiedereinstellung in bad. Dienste: Staats- und Finanzminister Liberaler, der sich für das monarchisch-konstitutionelle System einsetzte, (Schwarzm. S. 222)
 Joseph Fickler, am 8. April 1848 am Bahnhof in Karlsruhe verhaften ließ, einen Tag nach einer leidenschaftlichen Rede Heckers in der zweiten Kammer für die Einführung der Republik und gegen den Einsatz fremder Truppen (Freitag 117). Die Verhaftung Ficklers wird von Sabine Freitag als der Grund für Heckers Flucht aus Mannheim übers Elsass und die Schweiz nach Konstanz gedeutet. Dort rief er am 12. April die Republik aus, was nichts Geringeres bedeuten sollte als den Sturz der Großherzoglichen Regierung. Und nun begann der berühmte Freischarenzug gegen Karlsruhe, für Hecker der Höhepunkt seiner revolutionären Aktivitäten.


Der Heckerzug

Woher er zur Überzeugung kam, ohne einen Schuss, ohne jeden Schwertstreich, kurz: ohne Blutvergießen werde der Zug ein Festzug werden, ist unergründlich. Eine reine Illusion war es, alle die ihm zugejubelt hatten, in einem gewaltigen Heer vereint zu sehen, bereit, die Republik einzuführen, zumal er später eingestehen musste, dass die ländliche Bevölkerung der Revolution abgeneigt gewesen sei. Nur unter dieser Voraussetzung wagte er den Zug. Das Land sollte durch die Freischärler möglichst wenig Schaden erleiden. Seine Männer mussten Proviant genug mitbringen (Freitag 120).Außerdem vertraute er auf die Moral der Menschen in der Not. Es werde „in der Stunde der Gefahr ….. der schlechteste Mensch geläutert“. (Freitag 120) Der Verlauf des Zuges war glanzlos und endete in einer Katastrophe. Eine „unglückselige Verirrung“ nannte Innenminister Bekk das revolutionäre Unternehmen. Der Abgeordnete Soiron, Heckers Trauzeuge (!), lehnte es ab. Peinlich war die Situation der Zweiten Kammer, in die sie einer ihrer Abgeordneten gebracht hatte. Für Präsident Carl Josef Anton Mittermaier war der der Schauplatz des Krieges und verbrecherischer Greuel (Freitag 123). Robert Blum nannte Hecker und Struve „wahre Viehkerle, rennen durch den Wald wie geschlagene Ochsen… “ Ein kleines Häuflein war es, das ihm auf seinen Aufruf hin, sich am 14. April in Donaueschingen einzufinden, zusammengekommen war.

Empörende Zustände im badischen Heer

Dass seine mangelnde militärische Erfahrung etwa durch seine Führungsqualitäten kompensiert werden könnte, glaubte er selbst nicht. Heckers Hoffnung trog: Auf das Überlaufen der badischen Truppen hoffte er vergebens. Ihre Aufgabe war es, die Ordnung im Lande aufrecht zu erhalten, (im Grunde waren es nach heutigem Verständnis Polizeiaufgaben) und die Grenzen des Landes vor Invasoren zu schützen, und diese Gefahr schien der Regierung durch fanatische Republikaner aus dem  Elsass sehr wohl akut. Dennoch ist zu verwundern, dass die badische Armee dem Großherzog die Treue hielt. Die Empörung der Soldaten durch erniedrigende Strafen hätte zum Anschluss an die Revolution führen können. Außer „unwürdige Schimpfworte, Backenstreiche, Stöße und Schläge“ (Ortenau 98, 571) wurde im 19. Jahrhundert (!) noch die unglaubliche Strafe verhängt, den Arrest bei Wasser und Brot in absoluter Dunkelheit verbringen zu müssen, wobei ein Arm an ein Bein gebunden („krummgeschlossen“) wurde, was den Gestraften zwang, auf dem kalten Boden zu kauern. Davon wusste Hecker zweifellos. Optimistisch war er auch durch den Umstand, dass die meisten Soldaten aus den gleichen Bauern- und Handwerkerfamilien stammten wie die Revolutionäre. Ein gewisses Beharrungsvermögen, das man den Alemannen nachsagt, und das Denken in Rechts- und Ordnungskategorien hinderten viele daran, sich dem revolutionären Treiben anzuschließen. Immerhin wurde in katholischen Kirchen alljährlich am Geburtstag seiner „Königlichen Hoheit des Großherzogs“ ein Gottesdienst für sein Wohlergehen gehalten. Ohne ausdrückliche Ermächtigung des Bürgermeisters wagten viele den entscheidenden Schritt nicht, und um diese zu erteilen, war manchem doch die Verantwortung zu groß. Die vielen Briefe Heckers überzeugten sie nicht, und sie zogen es vor, lieber erst einmal in Karlsruhe anzufragen, ob sie das dürften. Schließlich mögen viele auch Zweifel am Erfolg des Unternehmens beschlichen haben. Gesunde Rückkehr war nicht garantiert, und die Strafen nach einem Scheitern würden nach einem Scheitern vom Zuchthaus bis zu standrechtlicher Erschießung reichen. Manche werden auch schlicht die anstehende Feld- und Waldarbeit nicht haben unterbrechen wollen. Schließlich blieben auch Regierung und Armeeführung nicht untätig. Zwar war die Ernennung General Friedrich von Gagerns (der in den Niederlanden Dienst tat und den Offizieren als Fremder erschien) zum Kommandanten ein Fehlgriff. Der Truppe wurde klar gemacht, dass sie für Recht und Freiheit kämpfe, die Offiziere bemühen sich um ein kameradschaftliches Verhältnis zu den unteren Chargen.

„Optik des Heckerzuges“

Der Heckerzug mit seinen bewaffneten Freischaren war auch optisch etwas Neues, nie da Gewesenes. Zunächst einmal ging es in vielen Gasthäusern hoch her. Sie waren der Treffpunkt der revolutionären Agitatoren. In die Akten gingen in Baden 897 Wirte ein, d. h. sie bekamen Probleme mit den Gerichten. Das äußere Bild der Freischaren gestalteten die Schmiede dadurch, dass sie die Sensen der Bauern,die die Gewehre ersetzen mussten, so umformten, dass eine Art Lanze daraus wurde  -  ein furchterregender Anblick, der noch dadurch gesteigert werden konnte, dass zwei scharfe Sicheln (Ortenau 1998, 640) an den Schaft geheftet wurden, so dass gleichzeitig ein Feind erstochen und zwei andere entzwei geschnitten werden konnten. Doch waren das nur Nahwaffen, einem regulären Heer mussten die Freischärler immer unterlegen bleiben. Revolutionäres Zeichen waren die Vollbärte „Heckerbärte“ genannt, aber so wild-entschlossen man sie wachsen ließ, so schnell waren sie wieder verschwunden, als der Sieg der Regierungstruppen unabwendbar war.  -  Nicht so die „Heckerhüte“. Zwar wurden ihre Träger von den Preußen gezwungen, die Revolutionshüte schleunigst abzunehmen und verschwinden zu lassen, aber nicht alle taten es auf Dauer. An erster Stelle ist Heinrich Hansjakob, „der Schwärmer für die schönste Göttin, für die Freiheit“, wie er sich selbst bezeichnete, zu nennen. Er blieb sein Leben lang „freischärlerisch und revolutionär gesinnt“. Sein breitkrempiger Hut war ein umgemodelter „Heckerhut“. Heute ist er das Kennzeichen des Hansjakobwegs.  -  Ganz und gar aber verstanden die Hähne die Welt nicht mehr. Warum in aller Welt riss man ihnen die Sichel heraus und steckte sie an die Hüte? Wieder ist Hansjakob der Gewährsmann (Ortenau 98/644), der für uns festhielt, dass in ganz Baden kein Hahn mehr mit Schwanzfeder zu finden war. Selbst Hühnern riss man die Federn aus.  -  Endlich spielte noch in dieser Revolution die rote Farbe der Halsbinde und des Gürtels eine Rolle. Ob das Rot als revolutionäre Symbolfarbe mehr an Blut, an Feuer oder die Morgenröte erinnern sollte, hätte wohl auch nicht jeder Revolutionär zu erklären gewusst. (644) Dies alles zusammengenommen hätte genügend Gründe dafür abgeben müssen, von Hecker das Adjektiv „heckerisch“ zu bilden, insbesondere wenn man noch hinzunimmt, dass um einen so populären Mann eine Lyrik entstand, verständlicherweise auch Schmähgedichte seiner Gegner.


Kandern: (Revolution im Südwesten S. 280)

Der Aufbruch des Freischarenzuges erfolgte am 13. April 1848 von Konstanz aus. Ein böses Vorzeichen war es schon dass die Route mehrfach geändert werden musste. Reguläre Truppen hinderten den Zug, den direkten Weg zu nehmen. Am 19. erreichte er Kandern, inzwischen auf 1000 Mann angewachsen. Und diese eingekreist durch württembergische und bayrische Truppen. und am Endpunkt der Rheintalstrecke in Schliengen badisches und hessisches Militär! Trotz hoffnungsloser Lage gab Hecker den Befehl an deutsche Handwerksgesellen, die „Deutsche Legion“ im Elsass, nicht, die dort unter dem Dichter Georg Herwegh darauf warteten, die Revolution unterstützen zu dürfen. Strategisch günstige Berghänge hinter Kandern ließ Hecker besetzen. Er selbst verhandelte mit General von Gagern auf der Hundstallbrücke  -  ohne Ergebnis. Im Entscheidungskampf auf der Höhe der Scheideck gegen die Regierungstruppen keine Chance. Doch Gagern traf eine Kugel und verwundete ihn tödlich. Eine zweite Freischärlerkolonne wurde ebenfalls geschlagen. Die „Deutsche Legion“ setzte unbemerkt über den Rhein. Franz Sigels Freischärlerkolonne war inzwischen bei Günterstal besiegt. Die Truppen aus dem Elsass wurde bei Dossenbach zersprengt, bevor sie Schweizer Boden erreichen konnte. Die Niederlage Heckers war vollkommen. Ihm blieb nur die Flucht nach Muttenz in der Schweiz . Er spielte bei den Vorgängen in den folgenden Monaten keine Rolle mehr. Aber Struve gab sich nicht so schnell geschlagen. Bürger aus Kandern, die sich auf Regierungsseite zusammengefunden hatten, zerschlug er am 21. September in Lörrach mit 800 Freischärlern und rief dort die Republik aus. (Um der Rekrutierung zu den Freischärlern zu entgehen, flohen die wehrhaften Männer. Friedrich Neff, der revolutionäre Regierungskommissar, beschlagnahmte die Bergwerkskasse, um Geldmittel zu beschaffen und zog nach Schliengen weiter, um Wehrmannschaften zu gewinnen, standrechtlich erschossen in Freiburg am 9. August 1849. Jetzt hatten sie Struves Kolonne eine große Menge Aufständischer angeschlossen, bis auf 10 000 Mann wurden geschätzt. Doch wollte die Zahl nicht viel über ihre Kampfkraft aussagen. Karlsruhe war das Ziel, bis Staufen kamen sie, mussten sich dort verbarrikadieren und gerieten in Panik, als die lediglich 800 Mann Regierungstruppen mit vier Geschützen losschlugen. Die Stadt wurde gestürmt. Wäre Struve die Flucht nicht gelungen, er wäre mit fünf anderen von den Großherzoglichen erschossen worden.


Die Lyrik um Hecker

Die Revolution war für die Zeitgenossen ein so aufwühlendes Ereignis, dass sich auch die Lyrik ihrer bemächtigte: der Symbolik, als der „Nationalfarben“ Schwarz, Rot, Gold, so dass man von einer „deutschen Tricolore“ sprach, die Farben dem (schwarzen) Pulver, dem Blut und dem Feuer zuordnete. Bedeuten die Farben die Freiheit, der sich Demokraten und Liberale verschrieben, so der Adler die Einheit, aber darüber hinaus die Herrschaft über Europa, was im Ausland sehr wohl bemerkt wurde.

Die Lyrik nahm sich auch der Personen an, und wie hätte es anders sein können, als dass der populäre Hecker in vordersten Linie stand. Georg Herwegh rühmt ihn im Sommer 1848 wegen seines Wagemutes und seines Triumphes,
 „Die träumenden Alemannen
Zornsprühend aufgejagt“ (zu haben). Was taten aber in Frankfurt „unsere Weisen“? …
„Sie schwankten, die Verzagten.
Sie tagten, ach! und tagten,
Und nirgends ward es Licht.“ (Ortenau 657)

Ihren Helden verließ die Gesellschaft. Der Übermacht der „königlichen Schergen“ musste er unterliegen. Dem Einsamen in Muttenz (seinem Fluchtort bei Basel) wenden sich melancholische Gefühle zu.

Wahrscheinlich bekannter noch, weil emphatischer, wurde das von einem Unbekannten geschaffene Gedicht „Toast an Dr. Friedrich Hecker“. Dessen kraftvolle Überzeugung bringt er zum Ausdruck, indem Hecker als „Großer Mann“ und als „großer deutscher Mann“ bejubelt wird. Überwältigend sind seine menschlichen Eigenschaften und seine Fähigkeiten zu führen: Treue, Beredsamkeit, Standhaftigkeit bis in den Tod. Über Heckers Tod hinaus will man seine Ideale verwirklichen.

Doch jede politische Staatsform, jedes Staatsziel, muss mit je eigener Opposition rechnen. Dass Hecker auf den Widerstand der Regierung(en) stieß, die er stürzen wollte, mindestens ihre Macht einschränken wollte, lag in der Natur der Sache. Er fand auch unter seinen Mitbürgern nicht nur Zustimmung, kritischen Geistern verlieh der Dichter Karl Christian Gottfried Nadler (1809 – 1949) seine Stimme. Für ihn war er ein Prahlhans, der sich mit zweifelhaften Gestalten umgab. (Ortenau 674 f)

Auswanderung in die USA

Politischer Stillstand, wie er ihn in Muttenz erlitt, war unerträglich, deshalb setzte er dem Bleiben dort am 5. September 1848 ein Ende, er gab der Sehnsucht „nach der Heimat, wohin ich mich seit 14 Jahre sehne, nach dem Westen Amerikas“ (Freitag, 139) nach. Hecker gab die Heimat auf, bevor diese ihn aufgab. Nach heftiger Diskussion um seine Amnestie lehnte die Nationalversammlung in der Paulskirche es ab, Hecker als Abgeordneten aufzunehmen. Die Begründung der Mehrheit: Heckers Aufstand sei eine Rebellion gewesen (133). Sein Wahlkreis Thiengen stand dennoch zu ihm und wählte ihn am 26. Oktober 1848 erneut in die Volksversammlung, als er schon in Amerika war. (135) Deutlicher konnte sich die Meinung der Bürger seines Wahlkreises von der der Volksversammlung nicht abheben.

Von Muttenz war nach Straßburg gereist, deutschen Boden wagte er nicht zu betreten, weil „Der Volksfreund“, und zwar jede Ausgabe, der „Herabwürdigung der Regierung, der „Aufforderung zu Hochverrätherischer Unternehmungen“ beschuldigt wurde. Noch einmal brachte er seine ganze Enttäuschung über die Entwicklung der Revolution zum Ausdruck. Sie war die Begründung für seine Ausreise in das Land mit dem „gewaltigen Bürgervolke …  und der republikanischen Freiheit“, die es in alle Welt verteile. „Er hoffte dort auch für sein Vaterland wirken zu können“. (Freitag 140)

Von Le Havre fuhr er nach Southhampton, von dort aus mit dem Dampfer „Hermann“ weiter nach New York, wie es ihm sein demokratisches Gewissen vorschrieb, in der zweiten Klasse. Unter den deutschen Auswanderern war er längst eine bekannte Persönlichkeit. Dementsprechend groß war die Zahl derer, die den politischen Flüchtling empfing, und die Begeisterung für ihn im New Yorker Hafen, auch unter den nicht-deutschen Siedlern. Wo er redete, erntete er frenetischen Beifall, aber  -  um es vorwegzunehmen  -  genau das, wogegen er leidenschaftlich kämpfte, die Föderation souveräner Staaten, wurde 1871 politische Realität. Er rief zu Sammlungen auf für „Revolutionsvereine“, Spenden kamen zusammen, Hecker stellte eine Rückkehr in die alte Heimat in Aussicht für den Fall, dass sich dort die Dinge in seinem Sinne änderten, war aber in Wahrheit schon intensiv auf der Suche nach einer eigenen Farm. Diese fand er mit der Hilfe von hier schon länger angesiedelten Deutschen, wie er hier auch erstaunlich viele alte Freunde wieder sah, unter ihnen auch seinen Kommilitonen und Duellgegner in Heidelberg, Gustav Körner. Ein Wunder war das wiederum nicht, denn die Auswanderungswelle in die USA währte durch das ganze 19. Jahrhundert und ebbte auch im Bismarckreich nicht ab. Was er fand, war im Staat Illinois bei Belleville in Lebanon eine Farm, zu mäßigem Preis, erst ein Haus: aus dem sich noch etwas machen ließ, die Fläche schon kultiviert, teils Ackerland, teils Wald. Doch schon im nächsten Jahr schien sein Leben noch einmal eine unerwartete Wendung zu nehmen. Die Revolution in Baden sei geglückt, er solle so rasch wie möglich in die alte Heimat zurückkehren, ließ ihn die neue Regierung wissen. Er glaubte das gern und kehrte tatsächlich mit einigen Gesinnungsgenossen nach Europa zurück, kam aber nur bis Straßburg, als er erfuhr, dass die Revolution zusammengebrochen sei. Sein Leben aufs Spiel zu setzen schien ihm nicht die richtige Entscheidung. Also kehrte er nach Amerika zurück, um in Freiheit der dortigen Politik seine Kräfte und Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen.

Der Rechtsanwalt jetzt Farmer! seine Existenz mit einem Beruf verbunden, den er nie gelernt hatte! Hatte er sich das überlegt? Der Mann der freien Rede, der Feder  -  jetzt mit Axt und Hacke in den Händen. Ein anderer hätte aufgegeben, Hecker nicht. Der Draufgänger rackerte ohne Rücksicht auf seine Gesundheit, und bald war er auch gezeichnet von übermäßiger Schinderei durch „Pflügen, Säen, Mähen, Fruchtbinden, Maisbauen … wie kein Bauernknecht der alten Welt“. (Freitag, 163). Dazwischen musste er Zeit finden für zahllose Besucher, alte Freunde und alte Bekannte aus dem Jahre 1848, Ratsuchende, Flüchtlinge, der freundliche Gastgeber! Carl Schurz, Auswanderer und der erfolgreichste und bekannteste Emigrant, war 1854 erschrocken, als er den völlig überarbeiteten Hecker besuchte. Seine Beschreibung ist erschütternd. Er habe  -  schrieb er seiner Frau  -  einen missgelaunten, von Wechselfieber geplagten, nachlässig gekleideten Hecker“ angetroffen, „gereizt, abgearbeitet, überaus nervös!“ (Freitag, 164) Sein „sanguinisch-cholerisches Temperament“ werfe ihn in Diskussionen oft „in der widersprechendsten Weise“ von einem Extrem ins andere.“   
 

Die politische Betätigung Heckers in den USA

Auf alle Einzelheiten in den politischen und soziologischen Verhältnisse der Vereinigten Staaten in den Jahren Heckers einzugehen, ist nicht möglich, ohne den Rahmen zu sprengen, so dass wir uns auf wenige große Linien und einige wichtige Entscheidungen beschränken müssen. Aber einem verbreiteten Irrtum werden wir nicht anhängen, Hecker habe sich jetzt von der Politik abgewandt und nur noch seiner Farm gelebt. In den Jahren nach Heckers Auswanderung ging es um die Gründung der republikanischen Partei (Wighs), als deren Gründungsmitglied Friedrich Hecker nicht gerade eine herausragende, aber auch keine ganz unwichtige Rolle spielte. Probleme, die die USA noch lange herausfordern sollten, drängten auf eine Lösung, und die Wege dorthin sollten in den Parteiprogrammen aufgezeigt werden. Die bekanntesten: die Abschaffung der Sklaverei, das Alkoholverbot (später als „Trockenlegung“ der Vereinigten Staaten verhöhnt), die Sonntagsruhe, und das Verhalten Geheimbünden gegenüber. Die Dauer der Gründung der Republikanischen Partei erstreckte sich über die Jahre 1854 bis 1856, was auch darauf zurückzuführen ist, dass die Verhältnisse in den verschiedenen Staaten durchaus nicht die gleichen waren. Hecker, der acht Jahre wie in einer Klause gelebt hatte, wäre nicht Hecker gewesen, hätte er sich nicht für die Verwirklichung seiner republikanischen Ideen gewinnen lassen. Jetzt war er wieder da! Eine gute Voraussetzung für sein neues politisches Leben war das dringende Interesse der Republikaner, bei Wahlen so viele deutsche Einwanderer und 48-er Revolutionäre wie möglich auf ihre Seite zu ziehen, um ihre Stimmen für ihre Kandidaten zu sichern. In diesem Zusammenhang taucht zum ersten Male der Name Abraham Lincolns auf, wenn auch noch nicht als Präsidentschaftskandidat, er der gemäßigte und deutschfreundliche Politiker. (195 Freitag). Von Hecker erwarten wir es nicht anders, als dass er sich wieder mit aller Leidenschaft in die Politik stürzte. Begeistert schrieb Georg Hillgruber, der Herausgeber der „Iowa Staatszeitung“: „Wenn er (Hecker) für die republikanische Sache, für Freiheit der Rede, individuelle Freiheit, Freiheit der Territorien, (für Kansas und) gegen Sklavenhalter-Oligarchie im Felde steht, welcher Deutsche will dann gegen ihn gehen!“ Kandidat der Republikaner wurde 1856 John Charles Fremont, ein eher schüchterner Mann, der gegen den Demokraten Buchanan keine Chance hatte. (James Buchanan, 15. Präsident  (1857 -1861))

Leidenschaftlich wie eh und je war die Sprache Heckers: „Wir Deutsch-Amerikaner-Flüchtlinge können nicht für die Ausbreitung der Sklaverei gehen; wir beschimpfen unsere Vergangenheit, die Fahne unter der wir gefochten und unserer Brüder gestorben sind, wir entehren die Gräber unserer standrechtlich Gemordeten“….. (Freitag, 207) „Wir sind für die ganze und volle republikanische Freiheit, gegen Sklaverei, gegen Aristokratie, gegen centralistische Bestrebungen … gegen jede Beeinträchtigung der republikanischen Gleichheit und Menschenwürde, durch Unterscheidung wegen Geburt und Religion….(207)

Heckers Haus abgebrannt

Während er sich auf einer Wahlveranstaltung in Belleville aufhielt, ihm von den Turnern des Ortes am Abend noch ein Ständchen dargebracht wurde, brannte ein Teil seines Hauses ab. Ob es Brandstiftung war, konnte gerichtsverwertbar nie exakt festgestellt werden, schon deswegen nicht, weil herumstreunende Banden vorher immer wieder Häuser in Brand gesteckt hatten. Nach Heckers Überzeugung war es Brandstiftung. Im Verlauf des Wahlkampfs war es Anlass zu einer immer wütenderen Schlammschlacht. Wozu die Freiheit, für die Hecker so sehr aus ganzem Herzen kämpfte, führte, konnte er nun selbst beinahe am eigenen Leib erfahren. Schlimme Anfeindungen musste er verkraften. Gerüchte, Vermutungen bildeten den Stoff für die Zeitungen, eine Pressefehde wurde gegen ihn entfacht, seine Lauterkeit wurde in erbärmlicher Weise in den Schmutz gezogen. Hecker habe die Kriegskasse 1848 mitgehen lassen, für die Republikaner kämpfe er nur, weil diese Partei ihn dafür reichlich entschädige. Hecker  -  der prominente Wahlkämpfer! Um einen unbedeutenden Gegner wäre sicher nie ein solcher Kampf entbrannt. Schon hier zeigte sich Abraham Lincoln Wesen: Er bat Hecker, ihn in Springfield zu unterstützen und versprach ihm Hilfe für den Wiederaufbau der Brandstelle. Es ist kaum übertrieben zu behaupten, dass dem späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten die Verbindung zu deutschen revolutionären Auswanderern willkommen war. (230)

Die Wahl Lincolns

Friedrich Hecker sollte zu einem wirkungsvollen Parteigänger Abraham Lincolns werden. Zusammen mit Carl Schurz, dem anderen berühmten Auswanderer aus Deutschland, wollte er Lincoln ins Präsidentenamt verhelfen, wenn er sich auch nicht mit der gleichen Wucht wie dieser und andere Deutsche ins Wahlkampfgetümmel stürzte. Dafür wurden sie von Lincoln mit Regierungsämter betraut,(252) Georg Schneider, Caspar Butz, Hermann Kreismann, nicht aber Hecker. Die Unterstützung der Deutschen im Staat Illinois habe beim Wahlergebnis für den Ausschlag für Lincoln gegeben. So meinte man. Neuere Forschungen zogen dies in Zweifel. Lincoln wäre auch ohne deutsche Wahlhilfe Präsident geworden, da die Deutschen viel zu differenzierte Interessen vertraten und ihr Anteil nur ein Sechstel der Bevölkerung betrug.

Hecker und der amerikanische Bürgerkrieg

Der amerikanische Bürgerkrieg (Sezessionskrieg 1861 – 1865) brachte für Hecker eine weitere Veränderung in sein Leben. Aus Überzeugung reihte er sich mit seinem Sohn Arthur freiwillig im Staat Missouri (in Illinois war kein Aufgebot ergangen) in die Armee ein. Der Kampf gegen die Aristokraten in den Südstaaten war für den Badener Hecker die Fortsetzung des Kriegs gegen einen anderen Feind. Hier ging es um die Existenz des Staates, diese zu verteidigen musste jedes private Interesse hintanstehen. Das zweite Motiv war für den Freiheitsbegeisterten eine Selbstverständlichkeit. Zunächst einfacher Soldat in den freiwilligen Verbänden Franz Sigels, übertrug man ihm das Kommando über ein Infanterieregiment, seine Zustimmung erfolgte nach anfänglichem Zögern wegen Zweifeln an seinen militärischen Fähigkeiten doch spontan (6. Juli 1861) (257). Aber mit seinem „Hecker-Jäger-Regiment“ erlebte der „Colonel“ sein blaues Wunder. Außerhalb der Stadt würde es sich „in eine Bierexplosion auflösen.“ Zur mangelnden Disziplin kam die mangelhafte Ausrüstung, vollständig versagende Organisation (260). Selbst die persönliche Vorstellung Heckers bei Präsident Lincoln und Kriegsminister Cameron brachte trotz einer Order Lincolns über die Lieferung von Waffen keine Wende. Im September musste er seinem Parteifreund Lincoln von der Erschöpfung seiner Soldaten durch Märsche, Krankheiten und ausbleibenden Sold berichten  -  dies auch eine Aussage über den Zustand der Zentralregierung! Heckers Regiment hatte endlose Märsche in den Weiten Missouris zurückzulegen, die Begegnungen mit den Rebellen der Südstaaten hielten sich in Grenzen. Der Krieg verlief „im Schneckengang“ (264), die Ausführung der von Hecker ergangenen Kommandos verzögerten sich um Stunden. Nach heillosen Auseinandersetzungen auf allen Ebenen (272) und unter Beteiligung der Presse um die Entlassung von Offizieren reichte Hecker am 20. Dezember 1861 sein Entlassungsgesuch ein, das umgehend angenommen wurde (276). Am Ende seiner physischen Kräfte zog er sich auf seine Farm zurück, zusätzlich bedrückt durch „die erzwungene Untätigkeit“ (278). Seine Freunde aber setzen sich für ihn ein (unter ihnen Caspar Butz, Lorenz Brentano, Emil Preetorius) (279) und bewegten ihn dahin, am 28. September 1862 ein neues Kommando über ein Regiment (das 82. Freiwilligenregiment von Illinois) zu übernehmen.

In diesen Tagen machte die Politik in den USA und in Deutschland einen Schritt nach vorn. Präsident Lincoln erließ die Emanzipationserklärung  -  Freiheit für alle Sklaven! Vorher hatte er Aufrufe erlassen, neue Regimenter aufzustellen. Die Stunde für Hecker war erneut gekommen. In Baden war die Amnestie für die Teilnehmer der Revolution verkündet worden, Heckers Angehörige schöpften Hoffnung auf seine Rückkehr. Vergeblich! Weder er noch Franz Sigel, dachten an Rückkehr aus dem Land der Freiheit. Nur Struve kehrte 1863 als Konsul für die thüringischen Staaten zurück (282)

Gegen die Südstaaten ging der Krieg weiter. Carl Schurz und Friedrich Hecker kämpften Seit an Seit in der verlustreichen Schlacht von Chancellorville (285). Hecker geriet in die Schusslinie, nachdem er, die Fahne hochhaltend, mit Hurra vorgesprengt war, und wurde am linken Oberschenkel verwundet, wie Carl Schurz berichtete. Er konnte sich auf einem angeschossenen Pferd retten, wurde nach Washington gebracht, von Schwager Dr. Heinrich Tiedemann und seiner Schwester Charlotte gepflegt. Nach erneutem Einsatz und langwierigen, quälenden Unternehmungen und Rechtfertigungen über richtiges oder falsches Verhalten vor dem Feind vor dem „Court of Inquiry“ wurde Hecker ehrenvoll aus der Armee entlassen, allerdings ohne die erhoffte Beförderung zum Brigadegeneral, die er jetzt als verdiente Genugtuung und Anerkennung für seine Leistungen auch schon in Baden 1848 (Kandern) empfunden hätte (295).

Die Vortragstätigkeit Heckers
1.
Hecker musste, Macchiavelli ähnlich, über Politik reden oder das Gelübde tun zu schweigen.
1871 begann er, auch gezwungen durch eigene schwierige wirtschaftliche Verhältnisse (infolge Überproduktion sinkende Getreidepreise, hohe Transportkosten) eine ausgedehnte Vortragstätigkeit aufzunehmen. Zur eigenen Überraschung waren seine Vorträge erfolgreich, gewiss nicht zuletzt auch deswegen, weil er sich für sie, obwohl gesundheitlich angeschlagen, bis zum Letzten physisch verausgabte, was die wissenschaftliche Vorbereitung als auch die weiten Reisen durch die USA betraf. Dies leistete er sich bis drei Jahre vor seinem Tod. Die allerletzten Jahre erregte er die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit durch seine Zeitungsartikel, die so kämpferisch wie eh und je waren.

So fortschrittlich, so sehr seiner Zeit um Jahrzehnte voraus, wie wir Hecker bisher kennen gelernt haben, so sehr überrascht er den heutigen Betrachter beim Thema „Gleichberechtigung der Frau“, einem Ausdruck, den es noch lange nicht gab. Konservativer, rückschrittlicher konnte es kaum noch gehen. Doch muss man zur Kenntnis nehmen, dass Hecker auf einer breiten Welle der amerikanischen Gesellschaft – einschließlich der führenden Zeitungsredakteure schwamm. Er brauchte nicht zu befürchten, ausgebuht zu werden. Was er schrieb, wurde positiv als Verteidigung des Frauentums betrachtet. Frauen sollten vor dem Missbrauch ihrer Gefühle durch Intriganten(423) bewahrt bleiben, und die Kirche, die Jesuiten, sollte keine Chance erhalten, über Frauen auf die Politik, die durch sie um ein unberechenbares Element (429) „bereichert“ würde, Einfluss zu gewinnen. Ihre Aufgabe sollte sein und bleiben, auch darin war es so konservativ wie nur möglich, für die Familie da zu sein.

2. Bevorstehender Kulturkampf in den USA?

Hecker, der die politischen Vorgänge in Deutschland mit größter Aufmerksamkeit verfolgte, stand während des Kulturkampfes, wie nicht anders zu erwarten, ganz auf der Seite Bismarcks. „Unsinn“ nennt Golo Mann (S. 434) diesen Konflikt. Hecker sprang auf diesen Unsinn auf.
Für ihn war die Kirche seit je ein rotes Tuch, erst recht seit dem Dogma über die Unfehlbarkeit des Papstes 1870. Er überschätzte die Macht der Kirche ins Unerhörte, in Deutschland wie in den USA. Sie hatte im „Reich von dieser Welt“ in staatliche Angelegenheiten nichts zu bestellen. Dass sie aber in Amerika überaus mächtig würde, war seine Befürchtung. Er beschwor seinen Freund Ernst Keil: „Glauben Sie mir, hier ist die Gefahr größer als drüben, da man hier die republikanische Freiheit für finstere Zwecke gebraucht, und zur Erwürgung der Freiheit missbraucht“ (Brief an Ernst Keil in Leipzig Gartenlaube, 1881) Argumente suchte er in der Geschichte (wie in der „Tägliche Illinois Staatszeitung“ vom 23. August 1876): „Der alte Fritz durchwühlte alle Kehrichthaufen der Geschichte Europas, um Beweise dafür zu sammeln, dasss die Protestanten, Juden, Heiden Amerikas in Gefahr stünden schaarenweise (sic) von den bösen Katholiken verbrannt, oder geschlachtet zu werden.“ (Freitag 446) Waren Heckers Reden und Schriften schon immer von deftigen Ausdrücken durchsetzt, so entglitt ihm der gute Stil in dieser Situation immer öfter. „Aller Schund, den ihr und Teutschland fortjagt, nistet hier fort  … Mönche und Nonnen…(443) Butz: er „schrieb im Stile der Reformationszeit“.

Und als Bismarck den „Unsinn“ abblies, weil er das Zentrum für seine Politik brauchte, konnte dies der vor Hass blinde Hecker nur aufs schärfste verurteilen. „Jämmerliches Schauspiel … dieses Bettelgehen beim Vatican… Braun, der Bär, zieht das Pilgergewand an und bittet den frommen Reinecke, ihm doch die Kastanien der Reaction aus der heißen Pfanne  zu holen“. (450)

3. Wirtschaftliche Überlegungen (Eisenbahnmonopole und Absatzmärkte)

Als wirtschaftspolitischer Denker in weltweiten Dimensionen profilierte sich Hecker während der langen Abschwungsphase nach 1870. Die Zeit des Eisenbahnbaues brachte in den weiten Gebieten Nordamerikas die phantastische Transportbeschleunigung, Beschleunigung brachte auch die Technik in die Bergwerke und in die Metallindustrie, die Farmer produzierten auf riesigen Flächen aus jungfräulichen Böden mehr, als die Verbraucher verzehren  -  und bezahlen konnten , denn die Transportpreise trieben die Kosten in die Höhe. Das Eisenbahnmonopol war ohne Konkurrenz, also diktierte es die Transportkosten. Hecker sah die Vorteile der Konkurrenz und propagierte sie: der Markt würde die Preise nach unten regulieren. Als Heilmittel sah er neue große Absatzmärkte praktisch um den ganzen Globus. Sein scharfer Verstand hatte bereits Lösungen erarbeitet: (S. 437) neue Transportrouten, Abkürzung der Seewege durch künstliche Kanäle (Panama, Isthmus), dadurch Zeitersparnis, Bau von Schleusen, Vermeidung von Gefahren usw.

Hecker in der US-Innenpolitik:Wahlkampf für Präsidentenkandidat Hayes, Carl Schurz: Innenminister

Hecker müsste nicht Hecker gewesen sein, wenn er sich nicht aktiv in die US-Tagespolitik eingeschaltet hätte. Er tat es auf seine Weise, nie strebte er ein Amt an, kämpfte aber mit aller Leidenschaft für den Wahlsieg anderer, seiner Gesinnungsgenossen, seiner Parteifreunde. Zweimal errangen seine Favoriten als Präsidentschaftskandidaten den Sieg, 1876 Rutherford B. Hayes und 1880 James Abraham Garfield. Garfields Wahlsieg konnte er seiner geschwächten Gesundheit wegen nur noch voll Freude zur Kenntnis nehmen, nicht mehr mitfeiern. Zur größten Genugtuung gereichte es Hecker, dass sein Mitemigrant Carl Schurz unter Präsident Hayes Minister des Innern wurde und seine Reformpolitik durchsetzen konnte. In der gerade aktuellen Temperenzfrage (Alkoholverbot) in den USA, als „Trockenlegung“ verspottet) tat er sich nicht hervor, für ihn gab es Wichtigeres. (459) Schurz nahm die Civil Service Reform in Angriff, Schluss mit der Aufnahme unfähiger Kandidaten in die Beamtenschaft, Schluss mit Bestechlichkeit. Sparsamkeit und Beseitigung des Luxus auf allen Ebenen waren seine Ziele. Im Interesse einer stabilen Währung lobte er Hayes´ Politik der Hartgeldzahlung, was unbegrenzte Prägung von Silbergeld voraussetzte.

Die Anwandlungen einer Anzahl US-Bürger, im Zusammenhang mit dem ersten großen Eisenbahnstreik 1877 ihr Heil im Kommunismus zu suchen, wehrte Hecker in vielen Zeitungsartikeln ab. Was nicht Liberalismus, insbesondere Wirtschaftsliberalismus war, taugte nichts. Gleichmacherei war ihm von vorne herein zuwider. Mag der Kommunismus bei Nomaden seine Berechtigung haben, in der modernen Gesellschaft, sei er „die Quintessenz des Absolutismus“. (476) Die wirklich Großen in der Menschheitsgeschichte seien gerade in Epochen hervorgegangen, die keine Gleichmacherei gekannt haben. (476) Und er zählte alle Nachteile des Kommunismus auf, die auch uns noch vor Augen geführt wurden.
Noch aber wirkte das Farbigen-Problem in den Südstaaten nach. Die Umsiedlung
vieler Schwarzer in die Nordstaaten hielt er für gut, sie würden den Frieden befördern, eine wertvolle Hilfe für die Farmer sein und das Land kultivieren helfen (484). Die USA: das Einwanderungsland! In der ihm eigenen drastischen Sprache brachte er seine Bedenken gegen zu viele Einwanderer aus Europa zum Ausdruck: „dass dies mir des Guten zuviel ist, besonders Böhmen, Polaken, Italiener, Slowaken, Irländer lauter römisch katholisches, faules und versoffenes auch diebisches Bettelpack. Die grünen Teutschen des letzten Schubs sind auch nicht viel wert: aufgeblasen, faul, dumm, und gefräßig und voll Saufteufel. Lauter Democraten=Stimmvieh.  (484)

Hecker als Beobachter deutscher Entwicklung

Trotz aller Verbundenheit Heckers mit den Verhältnissen in der Neuen Welt: Deutschland und Europa verlor er nie aus den Augen, freilich sah er die Entwicklung durch seine eigene Brille, demnach konnten ihn seine Betrachtungen nur beunruhigen. Denn ganz falsch war es, dass die Nationen auf ihre Macht und die Verstärkung dieser Macht zielten statt auf ihre Freiheit. Österreich: „Hemmschuh aller …Entwicklung“, Preußen: „Deutschland muss in Preußen aufgehen“ (358). Nach seiner Meinung hätte Deutschlands Weg, anders als er gegangen ist, zur Einheit von unten nach oben gehen müssen. Ein oder zwei Dutzend Männer die das Zuchthaus nicht fürchten … (könnten) das Signal geben, das ganze Volk würde einem solchen Mann zujauchzen (360). Fort mit der Kleinstaaterei im Interesse der Nation! Aus amerikanischer Perspektive unmöglich: im Norddeutschen Bund keine Festlegung von Freiheitsrechten! Doch sah Hecker die Entwicklung noch nicht am Ende. „Die Demokratie wird triumphieren, durch Einheit zur Freiheit, zur Republik!“

Letzter Aufenthalt Heckers in Deutschland

Ein kritischer Besucher sollte nach der Reichsgründung noch einmal nach Deutschland kommen. Da er Betrachter blieb und die Folgen nicht zu verantworten hatte, war ihm die Lösung, die Bismarck für die Westgrenze des Reichs fand, nicht ausreichend. Er hätte ein „Großreinemachen“ lieber gesehen mit der Einschlingung von Burgund, des Arelats (Gebiet um Lyon), Metz, Toul und Verdun in den Bistumsgrenzen. Völlig zuwider war ihm die Art, wie Kaiser Wilhelm I. zur Kaiserkrone kam. Die Fürsten und freien Städte trugen sie ihm an, „was wir dem Volke hiermit kund thun“. Das war für Hecker die Sprache eines „militärischen Tagesbefehls“. Wenn es schon ein Kaiser sein musste, dann hätte ihm das Volk die Krone anbieten müssen. Bitter war seine Antwort auf die Frage, ob er nun auf Dauer ins Bismarckreich zurückkehren werde: „Ich dank´ Euch da drüben, dass Ihr mich ausgestoßen, verbannt habt: die freie Erde ist des Freien Vaterland.“ (386) Er freute sich auf seine Reise, von der wusste, dass es die letzte in seine alte Heimat werden würde. Er wollte die Gelegenheit wahrnehmen, seinem aufgestauten Antiklerikalismus, der einer Obsession gleichkam, freien Lauf lassen zu können  -  nirgendwo benutzte er eine solche undisziplinierte, entfesselte Sprache  -  „dass jeder Pfaffe, wenn er an dem Platze, wo ich verschaart sic werde, vorbei köme, sic Sprünge machte wie eine Katze bei Baldrianswurzel…. Wie wollte ich als Gespenst die Pfaffen geistern, ihnen auf den Buckel sitzen, … bei der Predigt zwicken, kurz ihnen das faule Brod mit Schabernack aller Art verschimeln.“ sic (386). Er scheint es dann doch nicht getan zu haben. Nach stimmungsvollem Abschied in Baltimore und triumphalen Empfang in Bremen, Ladenburg und Mannheim, nach „Hurrah, Hoch, Lieder(n), Hüteschwenken, Tücherwehen, Hervordrängen, Händereichen  … Schluchzen, Thränen … kostete es mich eine mächtige Anstrengung, dass mich die Rührung nicht übermannte.“ (389) So gestand es der schlachtenerprobte, wetterharte, vom Schicksal geschlagene Mann! Weitere Stationen waren Freiburg, Basel, Stuttgart. Reden hielt er in großer Zahl  -  der Mann des Wortes! Mit Spannung erwartete man in Deutschland seine Einstellung zu den Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte. Die deutsche Presse berichtete über den Inhalt seiner Reden, gab lange Passagen wörtlich wieder, die Presse der USA tat es der deutschen gleich. Sprach jetzt ein assimilierter Amerikaner? (398 Gartenlaube) War Hecker doch im Innersten ein Deutscher geblieben? Hatte er etwas hinzu gelernt? Und was? Die mangelnde Pressefreiheit beklagte er aufs heftigste, noch schlimmer das erbärmliche Niveau der Presse, keine einzige Zeitung reichte an die Qualität der „New Yorker sic Times oder der „Chicago Tribune“ heran. Stattdessen „werde dem Publikum eine große Zahl Käseblättchen servirt, (sic) welche drüben nicht 4 Monate ihr Jammer-Leben fristen könnte“ (403). In erbärmlichste „Zwangsjacken“ stecke man den „Menschengeist“. Hecker sparte nicht mit kraftvollen Worten die Verhältnisse in Deutschland zu kritisieren. Dass Beschlüsse von Gemeindevertretern (404) von höheren Stellen bestätigt werden sollten, nannte er „eine Unmündigkeitserklärung des Volkes“. Er war und blieb aus tiefster Seele Republikaner und Demokrat, er war auch ebenso „Amerikaner“, er freute sich, dass er es war (406) und versicherte dennoch: „…zwischen uns besteht ein geistiges Band … jedes Wort, welches von drüben her klingt, und jeder Ballen Waare, der herüber kommt, wird dazu beitragen, den freiheitlichen Geist zu unterstützen und die Sache, der Freiheit zu fördern.“ Und endlich ein Wort zum Verhältnis Heckers zu Bismarck, das zeigt, wie man als Zeitgenosse einem anderen Zeitgenossen gegenüber blind sein kann: Bismarcks Name werde der Vergessenheit anheim fallen. Da machte selbst der Philadelphia Democrat nicht mehr mit. (410) Ein Zusammentreffen mit Bismarck lehnte er ab: „ … wie kann ich als republikanischer Souverän den Bedienten eines Souveräns besuchen.“

Der Wortgewaltige wog seine Worte nicht immer sorgfältig. Keinen Anlass dafür sah er nach der Rückkehr in die USA: „Da bin ich wieder, wo es keine Bändel, … keine Trinkgelder und Geheimräthe, kein Hut abnehmen, … keine Fürsten und Bettelvögte gibt, jeder ein Saumaul haben und im Schlafwagen reisen, sogar die Nase mit den Fingern schneutzen kann und  … jeder Esel Praesident werden kann.“

Der Abschied von Hecker S. 495 - 524

Heckers Äußerungen zum Tod offenbaren die Einstellung eines Atheisten, wie sie gröber, unflätiger kaum hätten formuliert werden können. Keine Spur von dem früh in humanistischem Geist Gebildeteten, dem Idealisten, ist in seinen Worten zu finden. Nahezu nichts als „Dung, Mist, Staub, Erde“ bleiben von der Menschheit übrig. Seine letzten Worte sollten nach Familientradition ein Witz sein. Jubilieren würden „Demokraten und Pfaffen, dass der alte Halunke nun endlich vom Teufel geholt worden sei“. Und doch welche Überraschung für seine Nachkommen! Zwei Seelen wohnten ach in seiner Brust! Sein Herz sollte in seine Heimatstadt Mannheim an die Seite seines Vaters und seiner drei früh verstorbenen Kinder gebracht werden. Das Testament (508) wurde zu spät eröffnet, um sein letztes Vermächtnis noch erfüllen zu können. Die Liebe zum eigentlichen Vaterland war trotz allem nicht erloschen. Die Welt nahm vom Tode des 70-jährigen Hecker am 24. März 1881 Kenntnis. Ein Begräbnis wie das Heckers in Summerfield hatte es noch nicht gegeben: Delegationen von Turnvereinen, Gesangvereine, (501) Privatpersonen, politische Weggefährten Heckers, Veteranen, 700 – 800 Trauergäste aus der Umgebung, Heckers Ehrengarde, 150 Wagen. Die Presse veröffentlichte die Trauerreden in ungekürzter Form von Emil Preetorius, Caspar Butz, Georg Schneider, Carl Lüdeking und viele anderen. Die Anteilnahme war so groß, dass die Zeitungen Extra-Ausgaben drucken lassen mussten.

Doch war das Presse-Echo diesseits und jenseits des Ozeans keineswegs einheitlich, freundlicher eher in Amerika. Vergessen, verdrängt aus dem Bewusstsein der Deutschen war Hecker keineswegs. Zeitungen im deutschen Südwesten veröffentlichten freundliche Nachrufe, „gemein“ fand die Belleviller Zeitung, dass nationalliberale Zeitungen Hecker (schon vorher) für tot hielten. Die Preußische Zeitung lehnte es ab, über Heckers Tod zu berichten. Kritisch (506) schrieb die Kölnische Volkszeitung, Heckers Rolle im Kulturkampf geißelnd: „So feiert man einen wüsten Revolutionär!“ Die Kölnische Zeitung (504) dagegen schlug versöhnende Töne an, indem sei ihn zitierte, 1873 sei ihm , „alt geworden… für vieles das Verständnis abhanden gekommen, aber es geht durch das Land doch ein frischer Zug, der zur Freiheit führen wird,“ Über 30 Jahre nach der Revolution nahm man noch einmal Stellung zur damaligen Haltung, sich rechtfertigend oder verteidigend. Die Frankfurter Zeitung erinnerte noch einmal an die Heckerbilder, Heckerhüte der Revolutionsjahre, die einen heiteren Ton abgeben. Schon gleich nach der Bestattungsfeier beriet man über zwei Denkmäler für Hecker.

Zwei Denkmäler für Hecker

Mit 6000 Dollar war das erste veranschlagt, Spenden wurden gesammelt, an denen sich auch Carl Schurz beteiligte, Gedenkmünzen wurden geprägt (25 cts), sie waren sofort ausverkauft, das „Hecker-Denkmal-Komitee“ ließ sofort wieder nachprägen. In der Werbung wies man darauf hin, dass es nicht um einen Einzelnen ging, sondern um die Bewegung von 1848 zu ehren. Das Gedenken der Menschen wuchs über Hecker hinaus, Hecker wurde selbst zum Symbol für die Begeisterung für Freiheit, Republikanertum (512) überhaupt für Begeisterung sich für ein politisches Ziel, ein Ideal, einzusetzen. Bei der Einweihung vor überwältigender Menschenmenge in St. Louis verglich Emil Preetorius Hecker mit Washington: „Der Erste im Krieg, der Erste im Frieden, der Erste seines Volkes“ (516). Er sah eine direkte Verbindung von der Deutschen Revolution 1848 zum Sezessionskrieg 1861. Die vermeintlichen Verlierer von 1848 waren die Sieger von 1865. Das Verhalten der Deutschen legitimierten ihr Verbleiben in den USA (516). Etwaige Zweifel nach der Errichtung des Bismarck-Reiches sollten zerstreut werden. (520) Die Frage nach dem wahren Patriotismus beschäftigte immer noch viele Auswanderer. Ein zweites Denkmal wurde am 24. Juni 1883 in Cincinnati errichtet. Dortiger Festredner war Emil Rothe, Rechtsanwalt in Cincinnati, Auswanderer aus Schlesien, und er fand die Antwort nicht in grenzenloser Liebe zum Geburtsland, sondern „das Festhalten an den freiheitlichen Bestrebungen.“ (522). Dafür wurde „dem späteren Verbannten weit drüben über dem Weltmeere ein Denkmal“ gesetzt.
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Literatur: Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800 – 1866, Bürgerwelt und starker Staat, München 1983
Golo Mann: Deutsche Geschichte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, Frankfurt 1958
Arbeitsgemeinschaft hauptamtlicher Archivare im Städtetag Baden-Württemberg: Revolution im Südwesten, Städte der Demokratiebewegung 1848/49 in Baden-Württemberg, Karlsruhe 1997
Alfred Weber: Einführung in die Soziologie, München1955
Hansmartin Schwarzwmaier: Baden. Dynastie, Land, Staat, Stuttgart, Berlin, Köln 2005
Sabine Freitag: Friedrich Hecker, Biographie eines Republikaners, Stuttgart 1998
Dr. Friedrich von Weech: Badische Biographien, 4. Teil, Karlsruhe 1891
Die Ortenau 1998
E. Ochs, K. F. Müller, G. W. Baur: Badisches Wörterbuch Lahr 1942 – 1974: Stichwort heckerisch